App Cel – Marktsituation

Egal, ob Jacke oder Hose, Schuh oder Handschuh – für jedes Produkt, das in Serie produziert werden soll, muss auf Basis eines Entwurfs (egal ob digital oder auf Papier) ein Prototyp erstellt werden: Nur anhand der Entwicklung dieses Prototyps lassen sich mögliche Schwächen des Designs, bei der Auswahl der Komponenten oder in der möglichen Technologie bei der Produktion herausfinden und abstellen.

Die Anbieter von Bekleidung (und ähnlichen Softgoods wie Schlafsäcken und Handschuhen) haben in den letzten Jahrzehnten aus Kostengründen dramatisch viel Know-how und auch technische Möglichkeiten zur Entwicklung von Entwürfen bis zur Serienreife abgebaut: Reisen war billiger, als eigenes Know-how. Bis heute werden die vorgesehenen Produzenten in Fernost oder sehrt selten in Ost-Europa beauftragt, eben diese Prototypen zu entwickeln.

Doch schon in der vor-Corona-Zeit zeichnete sich ab, dass diese Strategie mehr und mehr zur Falle wurde. Erhöhte MOQ oder schnellerer Kollektionswechsel erwiesen sich gerade für Anbieter aus dem gehobenen Segment als enormes Hindernis, die eigene Kompetenz so in Produkte umzusetzen, dass dem Endkunden ein unverwechselbarer Markenkern vermittelt werden konnte.

Und dann kam Corona.

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Waren vor Corona die Reisekosten und die sinnlos verlorene Zeit schon ein Ärgernis für die Beteiligten, wurde der Kontakt mit Produzenten in Fernost seither zum reinen Glücksspiel, da eigentlich immer damit zu rechnen ist, dass etliche Wochen Quarantäne noch kurzfristig dazu kommen. Im Extremfall betrifft das dann auch die Auslieferung von Ware, die aufgrund von Beschränkungen vor (asiatischem) Ort schlagartig nicht mehr abgefertigt wird und somit nicht rechtzeitig in Europa ankommen kann.
So liegt etwa ein erheblicher Teil der Kollektion SS20 fertig abgepackt in Containern in Asien – und niemand kann mehr etwas damit anfangen. Der Schaden geht in die Millionen.

Zudem ist mehr und mehr der Druck der Konsumenten zu spüren nach nachhaltig produzierter Ware. Dies betrifft zwar in der Öffentlichkeit eher noch die Tatsache, dass die Ware mehrere Wochen auf Schiffen durch die Ozeane gegondelt wird, die in erheblichem Ausmaße Maare und Luft schädigen, aber auch der Raiseaufwand der Europäischen Mitarbeiter zu den Produktionsstätten in abgelegenen Teilen dieser Welt wird als belastend empfunden.

Mit anderen Worten: Der Druck, möglichst viel der Wertschöpfungskette wieder nach Europa zurückzuholen, steigt enorm. Bis dahin dass manche Hersteller sogar „vegane“ Produkte aus etwa Polyester nachfragen- über desse Sinnhaftigkeit sich auch durchaus lohnen würde nachzudenken.

Demgegenüber treten die „technischen“ Nachteile einer Produktion in Fernost fast schon in den Hintergrund, aber deren negativen Folgen übertreffen die ursprünglich erzielten Kostenvorteile der Produktion in Asien deutlich :

  • Schnitte und Gradierung (Größentabellen) werden immer mehr „internationalisiert“, was natürlich fatal ist, weil selbst in Europa unterschiedliche Größentabellen für verschiedene Länder und Regionen zur Anwendung kommen müssen, um akzeptable Passformen anbieten zu können.
  • Der Grad an Innovation sinkt signifikant, weil Produzenten natürlich eher die Auslastung der vorhandenen Anlagen anstreben, als neue Technologien einzuführen.
  • Die Unterscheidbarkeit der Marken sinkt signifikant, da zum Teil sogar Wettbewerber in denselben Factories produzieren lassen (müssen)

Auch erweist es sich trotz Globalisierung und allgegenwärtigem Internet nach wie vor als sehr schwierig, Vorstellungen des europäischen Designs den auf Vereinfachung in der Produktion getrimmten Entwicklern nahezubringen, was dazu führt, dass ein erheblicher Teil der Entwürfe nie den Status der Produktionsreife erreicht. Ab einer gewissen Größenordnung ist hier der Kostenfaktor erheblich, der von den europäischen Bekleidungsanbietern getragen werden muss.

Die daraus zudem resultierende Ununterscheidbarkeit von Modellen verschiedener Marken erhöht den sowieso vorhandenen Preisdruck auf die Anbieter nochmal beträchtlich.

Die Zeit für ein unabhängiges, innovativ orientiertes Studio zur Produktentwicklung wie App Cel könnte nicht besser sein.

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